Im Zeichen von Maske und Stern

Seit 1978 bedient sich Philippe Grosclaude des Pastells, nachdem er vorher in Öl und Acryl gemalt hat. Wer Pastell sagt, denkt zunächst an duftige Farben, an die Lieblichkeit Renoirs oder an den Puderschimmer des Rokoko. Vielleicht ist es kein Zufall, dass zuerst eine Künstlerin, die Venezianerin Rosalba Carriera (1675-1757), die Pastelltechnik aus ihrer blossen Nebenrolle herausgeholt hat. Nun ist aber die Pastellmalerei von Philippe Grosclaude nicht zärtlich und nicht duftig, sondern « männlich ». Warum hat er sich dann überhaupt dem Pastellstift zugewandt, wenn er die ureigenen Möglichkeiten dieses Verfahrens gar nicht ausschöpfen will? Weil Grosclaudes Bilder so entstehen, dass Farbschicht auf Farbchicht gebreitet wird – manchmal kommen bis zu vierzig aufeinander zu liegen. Würde er beim Malen Ölfarben verwenden, müsste er nach dem Auftrag jeder Schicht warten, bis die Farbe getrocknet wäre; mit Acryl ginge es schneller, aber für Grosclaude noch immer nicht schnell genug. Bei Pastellen jedoch kann er ohne abzusetzen Schicht auf Schicht legen. (Dabei sei das technische Detail erwähnt, dass er zwischen jede Pastellschicht eine lage Fettkreide einschiebt, damit der Pastellstaub besser haftenbleiblt.) Jene eben beschriebene Kontinuität ist Grosclaude beim Entstehen des Bildes wichtig. Es gibt Künstler, wie Leonardo da Vinci, die länger vor ihrem Werk reflektieren, als sie an ihm arbeiten. Es gibt Künstler, die vier, fünf Bilder gleichzeitig in Arbeit haben, die malend leicht von einem zum andern hinüberwechseln. Nicht so Philippe Grosclaude: Er kann sich nur auf ein Bild zugleich konzentrieren, und darum sollte er es möglichst in einem Zug durchmalen können. Er kann sich aufs Mal nur auf ein Bild konzentrieren. Das heisst wohl auch, dass er immer nur das eine im Sinn hat, seine Vision. In der heutigen Post-post-Moderne ein Wort, das fast als altertümlich, als pompös empfunden wird. Anderseits kann ich mir nicht vostellen, dass das gegenwärtige Getändel (wenn nicht so, dann halt so) noch lange anhalten wird. Der Kommende Trend könnte durchaus dorthin gelangen, wo Grosclaude von Anfang an, seit je gestanden hat: bei einer tragischen Position. Wie aber lässt sich Grosclaudes Vision näher in Worte fassen, wie kann sein typisches Bild umschreiben werden? Bei Grosclaude türmen sich abstrakte Formen, verzahnen sich, legen sich Tranche für Tranche aneinander, durchdringen sich in Schwung und Gegenschwung: gerundete, elliptische, parabolische, trapezähnliche und spindelförmige Gebilde, die sich selten schliessen, die häufig über die Bildränder hinausstreben. Neben solcher ausdrucksstarken Geometrie behaupten sich auch die freie Geste, die Kritzel, die Strichbündel; aber dieser « tachistische » Anteil ist gezähmt, muss sich einschränken. Das Farbklima ist selten kosmisch-eisig, aber kältend weht es einen schon an: Blau, Blaugrün, Weiss und Schwarz. Dieser Unwirtlichkeit treten warme Erdfarben entgegen, die sich auch zu einem intensiven Orange steigern können. Dem, was ich als Grosclaudes ausdrucksstarke Geometrie bezeichnet habe, sind zwei sich heraushebende Motive eingebunden: das Maskengesicht und der Stern. Die von Grosclaude häufig im halben En Face gegebenen. Gesichter haben nicht etwa Masken vorgebunden, sie selbst sind zur Maske erstarrt. Sie sind erstarrt in heroischem Aushalten, in Trauer und Schmerz, vielleicht in innerer Sammlung. Grosclaude hat den Zügen seiner Gesichter eine eigene Konvention verliehen – volle und schwere Münder, grosse, laicht gekrümmte Nasen, deren Rücken überdeutlich durchgezogen und ins Helle gerückt sind, während die Augenpartie sich als Dunkelzone herausbildet; eine Haube oder kapuze oder aber eine schwer herabsinkende Haarflut deckt den kopf. Insofern Grosclaude immer denselben mittelmeerisch-herben Gesichtstyp abwandelt, darf man diesen als ikonenhaft bezeichnen. Diese Gesichter können aus sich selbst strahlen, in gipsernem Weiss wie tot erscheinen, leer sein oder fast erloschen, von aussen eher anbrandender Farbe nahezu verschlungen werden. Grosclaudes Stern, ein Gebilde mit vier bis sieben Zacken, setzt sich zuweilen auf das Maskengesicht. Häufiger findet er sich in dessen Nachbarschaft, oder er tritt ganz selbständig auf. Auch dieses Zeichen ist im Typus festgelegt, wird nur immer abgewandelt. Ein klein wenig lässt es an die Konventionen des Comic Strips denken; da wäre dann bei Grosclaude doch ein Hauch von Humor auszumachen. Darf man diesen Stern als Symbol bezeichnen, und wenn er eines wäre, was würde es ausdrücken? Der Künstler selbst sagt aus, dass seine Bilder im ganzen auch immer so etwas wie eine Explosion oder Implosion zum Ausdruck bringen. In seinem Gestirn würde sich diese auseinanderstrebenden oder in sich zusammenstürzenden Kräfte gleichsam verdichten. Ich selbst meine nicht, dass Grosclaudes Sterne dem irrenden Wanderer den Lebensweg weisen; eher erinnern sie daran, dass über uns ain blindes Verhängnis waltet.

Fritz Billeter In: « Für einen neuen Blick », Françoise Jaunin, ABC-Verlag, Zurich 1994